Tattoo – Ein Phänomen der Oberschicht

Ein geschichtlicher Diskurs eines Phänomens

Tattoos sind ein modernes Massenphänomen? Ausgelöst von Fußballern, Musikern und Fernsehen? Ziemlich weit gefehlt. Die Kunst des Tätowierens gehört nämlich zu den ältesten Künsten der Geschichte. Aber so weit müssen wir nicht zurückgehen.

Zeichen der Oberschicht

Dank einer Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur wurde einer der faszinierendsten, und wohl vergessenen, Aspekte einer der ältesten Handwerkskünste beleuchtet.

Wer hätte gedacht, dass Ende des 19. Jahrhunderts 75% der weiblichen New Yorker Oberschicht tätowiert war? Doch damit nicht genug. König Edward VII, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, Zar Nikolaus II und Prinzessin Marie von Orléans schmückten Hautbilder. Die große Königin Victoria soll sogar Tiger und Python an intimen Stellen ihres Körpers getragen haben. Du siehst also, von einem modernen Phänomen der Masse oder gar Unterschicht kann definitiv keine Rede sein. Mit einem Schmunzeln könnte man sogar behaupten, dass die heutige Begeisterung für die Körperkunst gegenüber der im 19. Jahrhundert geradezu zurückhaltend ist.

Immerhin waren Angehörigen nahezu aller europäischen Fürstenhäuser tätowiert – wie wir bereits angemerkt haben. Und, um der Faszination sprichwörtlich noch die Krone aufzusetzen wurden, wenn man es sich leisten konnte, keine Kosten gescheut, um japanische Tätowier-Meister gleich nach Hause einladen zu können.

Auslöser für die Tätowierbegeisterung im 19. Jahrhundert waren die Forschungsberichte von den Expeditionen in die Neue Welt. James Cook brachte von dort nicht nur den Namen – “Tattow” nannte er die dauerhafte Bemalung der Eingeborenen in Tahiti in einem Logbucheintrag 1769 -, sondern auch eine Jahrmarktsattraktion: den tätowierten Prinzen Omai.

Aber wie bereits erwähnt – die Tradition und Begeisterung für die Tätowierkunst geht noch viel weiter zurück. Man fand die Körperbilder sowohl auf Ötzi, ägyptischen Mumien aber Wissenschaftler lassen vermuten, dass auch Kreuzritter Zeichen auf ihrer Haut trugen. Und so wie Heute konnte man auch damals Leichname über die Körperkunst identifizieren.

Der älteste bekannte Bericht über eine erfolgreiche Identifizierung durch eine Tätowierung stammt just aus Cooks Heimat. Im 11. Jahrhundert soll dort der Leichnam König Haralds II. anhand der Inschrift “Edith and England” über seinem Herzen erkannt worden sein.

Kulturgeschichte des Tattoos – aktueller denn je

Je mehr die Begeisterung für das Tattoo heutzutage zunimmt desto mehr arbeiten auch Dermatologen daran aus dem „Zeichen für die Ewigkeit“, einen vergänglichen Schmuck zu machen. Und gerade jetzt lohnt sich ein Blick auf die Kulturgeschichte des Tattoos. Hier im Westen oft als Zeichen der Individualität interpretiert, als Wunsch nach dem Herausstechen aus der grauen Masse gesehen, hat es in anderen Kulturkreisen einen ganz anderen Stellenwert. Dort gilt die Tätowierung als Zeichen der Gruppenzugehörigkeit. Berühmtestes Beispiel ist hier wohl die Yakuza – die japanische Mafia, deren Mitglieder ganze Geschichten ihres Werdeganges auf ihrem Körper tragen. Auch das so beliebte Maori-Tattoo ist ursprünglich Zeichen für den Eintritt in die Männlichkeit. Beginn eines ganz neuen Lebens als vitaler Teil der Gemeinschaft.

Doch wer die volle Wirkung der Tätowierkunst begreifen und sich auch aus kunsthistorischer Sicht damit beschäftigen möchte, dem sei wieder die aktuelle Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur ans Herz gelegt. Die vielen Exponate und Filme, welche die volle Wirkung der Kunst in Bewegung zeigen – wie das Bild zum Leben erwacht weil die Haut sich faltet oder ein Gelenk durchgedrückt wird, ist das eindringlichste und schön anzusehenste Plädoyer dafür, eine der ältesten Handwerkskünste der Menschheit kunsthistorisch ernst zu nehmen.

Das bedeutet nicht, dass moderne Bücher, die sich mit der Kulturgeschichte der Tätowierung auseinandersetzen, nicht lohnen. Die bildgewaltigen Coffee Table Books oder fundierte Analysen wie die von Ulrike Landfester stellen immer eine gute Lektüre dar.

Wer jetzt Lust auf ein eigenes Adeltattoo bekommen hat, vereinbart einfach einen Besprechungstermin bei uns im Hell`s ink. 

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